Eigentümerstruktur entscheidet über Digitalisierungstempo – aber nicht so, wie man denkt
Inhalt
In der FM-Branche hält sich eine bequeme Erzählung: Familienunternehmen digitalisieren mit langem Atem und echtem Innovationswillen, Private-Equity-geführte Unternehmen sparen sich durch die Halteperiode und opfern jede Investition dem kurzfristigen Ergebnis. Die Erzählung ist sympathisch und hält der genaueren Prüfung nur teilweise stand. Die Forschung zeichnet ein unbequemeres, aber lehrreicheres Bild.
Was die Daten tatsächlich zeigen
Eine Studie der Harvard Business School verglich die IT-Investitionen von Portfoliounternehmen vor und nach einer Private-Equity-Übernahme mit vergleichbaren, nicht übernommenen Unternehmen. Ihr Ergebnis widerspricht der gängigen Erzählung: PE-Eigentum beschleunigt die Digitalisierung messbar. Die Gesamt-IT-Ausgaben stiegen nach einer Übernahme im Schnitt um 19 Prozent gegenüber der Vergleichsgruppe, die Einführung von Buchhaltungssoftware um 3,4 Prozentpunkte, die von ERP-Systemen um 4,2 Prozentpunkte. Unternehmen, die ihre IT-Investitionen stärker ausbauten, wuchsen anschließend beim Umsatz um 56 Prozent und bei der Beschäftigung um 44 Prozent schneller als die Vergleichsgruppe.
Als eigentlichen Treiber identifiziert die Studie die Kontrollintensität. Private-Equity-Investoren verlangen über Aufsichtsratssitze und strukturierte Berichtspflichten standardisierte, überprüfbare Kennzahlen, und dieser Anspruch erzwingt digitale Infrastruktur, die belastbare Daten liefert. Bezeichnend ist ein Detail: Der gesamte Effekt bei der Einstellung digital qualifizierter Fachkräfte verschwindet, wenn im Aufsichtsgremium niemand mit eigener IT-Erfahrung sitzt. Kontrollanspruch allein bewegt wenig. Erst zusammen mit technischem Verständnis auf der Entscheiderebene entsteht tatsächliche Veränderung.
Die andere Seite: gute Absicht ohne Umsetzungskraft
Familienunternehmen zeigen ein anderes, ebenfalls aufschlussreiches Bild. Laut einer aktuellen Erhebung setzen 86 Prozent der befragten Familienunternehmen bereits aktiv oder gezielt künstliche Intelligenz ein, 44 Prozent sogar in vielen Unternehmensbereichen. Am Willen zur Digitalisierung fehlt es also nicht. Gleichzeitig geben 48 Prozent an, dass ihre Investitionen in die nötige technologische Infrastruktur eher mäßig bis unzureichend ausfallen, und 51 Prozent sehen unzureichende Technologieadoption als moderates bis hohes Risiko für ihr Wachstum in den kommenden ein bis zwei Jahren. Es gibt also eine Lücke zwischen Ambition und Investitionsdisziplin, oft weil niemand im Unternehmen den externen Kontrolldruck ausübt, der bei PE-geführten Unternehmen die Infrastrukturinvestition erzwingt.
Was das für FM-Führungskräfte bedeutet
Über das Digitalisierungstempo entscheidet nicht die Eigentümerform, sondern die Frage, ob es eine Instanz gibt, die verlässliche Daten einfordert, und ob diese Instanz versteht, was sie einfordert. Bei Private-Equity-Eigentum entsteht dieser Druck fast automatisch durch die Berichtspflichten gegenüber Investoren, wirkt aber nur mit technischem Sachverstand im Aufsichtsgremium. Bei Familienunternehmen fehlt der externe Druck oft ganz. Hier braucht es eine bewusste interne Entscheidung, sich denselben Anspruch an Kennzahlentransparenz selbst aufzuerlegen, ohne dass ein Investor danach fragt.
Das ist im Kern eine stoische Erkenntnis: Man beurteilt eine Sache nach ihrer tatsächlichen Wirkung und nicht nach ihrem Etikett. „Familienunternehmen” und „Private Equity” sind Zuschreibungen und erklären nichts. Was zählt, ist die Struktur aus Verantwortung und Rechenschaft, die im Alltag wirkt, egal wie das Unternehmen im Handelsregister oder auf der Visitenkarte des Eigentümers beschrieben ist. Wer als Führungskraft in einem FM-Unternehmen für mehr Digitalisierung wirbt, kommt mit dieser Erkenntnis weiter als mit einer pauschalen Klage über die eigene Eigentümerstruktur. Die Frage lautet dann: Wer im Haus fordert verlässliche Daten ein, und versteht diese Person auch, was sie da verlangt?
Fazit
Wer glaubt, ein Familienunternehmen sei allein durch seine Eigentümerform digitalisierungsfreundlicher als ein PE-geführtes, irrt an der entscheidenden Stelle. Digitalisierung treibt der Kontrollanspruch mit technischem Verständnis an, das Etikett auf dem Briefkopf spielt keine Rolle. Die Aufgabe für Führungskräfte ist in beiden Welten dieselbe: den Anspruch an belastbare, überprüfbare Daten selbst formulieren, statt darauf zu warten, dass ein Investor oder ein Zufall ihn von außen setzt.
Quellen: